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Burnout macht Halt vor...

»Burnout macht keinen Halt vor der Kirche«. So meldet am 5. Januar das Schweizer Fernsehen seine neueste Feststellung. Die letzte Bastion ist gefallen. Die rechte Hand des Schöpfers hat es nun auch erwischt.

Pfarrer seien überlastet. Sie müssten jetzt gar aussergewöhnlichen Ansprüchen ihrer Schäfchen gerecht werden – beispielsweise Trauungen in Heissluftballons zu vollziehen – und scheuten sich vor Ablehnung solcher Anfragen. Die Angst, weitere Follower des Wort Gottes zu verlieren, sei zu gross. Diese Verantwortung würde sie unter Druck setzen.

2007 – nur jeder Dritte glaubt Stress im Griff zu haben
Genau vor zehn Jahren erschien in der Kaderbeilage »ALPHA« der Sonntagszeitung mein Leitartikel mit dem Titel »Nein meinen, ja sagen«. Darin fasste ich die beunruhigenden Resultate meiner Recherchen zusammen, dass sich gemäss wissenschaftlichen Studien acht von zehn Arbeitnehmenden gestresst fühlten und dass nur jeder Dritte glaubt, Stress völlig im Griff zu haben. Bereits jeder Zehnte zeigte krankhafte Symptome. Und schon 2007 wurde in vielen Firmen die Mitarbeiterzufriedenheit hoch geschrieben und eigentlich so einiges unternommen...

Heute beschreiten wir das Jahr 2017. »Pfarrer R.S. kommt zum Schluss, er kümmere sich gern um die Menschen. Aber ab und zu müsse er auch auf seine Gesundheit achten«. Eine löbliche Erkenntnis. Und möglicherweise auch ein Fingerzeig in die Richtung eines vieler potenzieller Missverständnisse, die ein »Burnout« willkommen heissen können. Folgen wir ihm, landen wir im vorherrschenden Selbstverständnis unserer Gesellschaft. Dabei verlassen wir die spezifische Arbeitgeberin »Kirche« – es ist nicht nur ihr Problem.

Missverständnis »Opferlamm«
Gesellschaftlich wird noch heute Selbstlosigkeit dem Egoismus vorgezogen. Es scheint eine wertvolle, bewundernswerte Eigenschaft, für andere da zu sein. Egoismus hingegen gilt als verwerflich, Egozentrik als seine Königsdisziplin. Egoismus in seiner urspünglichen Form verlangt vom Individuum Selbsterhaltung um handlungsfähig zu bleiben. Alles andere ist Aufopferung. Das Opferlamm überlebt die ihm auferlegte Selbstlosigkeit selten. – Aufopferung ist somit in ihrer Konsequenz tödlich. Bei gesundem Egoismus ist »ab und zu auf meine Gesundheit schauen müssen« gar nicht vorstellbar. Der Satz heisst: »Ich bin verantwortlich für meine Gesundheit und mein Wohlbefinden – zu jedem Zeitpunkt meines eigenständigen Daseins«.

Burnout macht Halt vor keiner Branche
Burnout ist jedermanns Sache. Burnout ist Ego-zentrisch. Burnout brennt die innere Kerze von beiden Enden ab. Die Frage ist, wer oder was hält das Streichholz, zündet das Feuer. Wo sind meine Energiefresser? Liegt der Zündfunke in meinen Bedenken nicht zu genügen, nicht zu gefallen, nicht bestehen oder Erreichtes nicht halten zu können? Und wenn einfach »zu viel« ist, wer hat dazu »ja« gesagt? Ganz ehrlich, gilt es stets Haltung zu wahren oder möglicherweise eine Haltung zu verändern?

Everyday Business
Als Gesellschaft sind wir heute mehr denn je gefordert, unsere gemeinsamen Werte zu hinterfragen, ob im Sozialen, Politischen oder Wirtschaftlichen. Wir spüren überall unangenehme Reibungsflächen. Es ist an der Zeit, uns von der Schuldfrage zu lösen und uns offen und neu zu orientieren. Worauf haben wir Lust? Was wäre optimal? Wie darf unsere Zukunft ausschauen? Der Ansatz heisst »Innovation« – also eigentlich ganz normaler Business-Alltag eines jeden Unternehmers, richtig?

Handlung prägt Haltung
Als wirtschaftliches Unternehmen gilt es Rahmenbedingungen zu analysieren und bei Bedarf neu zu konzipieren, das Mehrwert-orientierte Leistungsverständnis zu durchleuchten, Wirtschaftlichkeit mit zeitgemässen Augen und dem Bewusstsein »Mensch als Kapital« kritisch zu betrachten. Und als Konsequenz heisst es den Führungsauftrag neu wahrzunehmen.

Als Individuum liegt es an mir zu realisieren, dass ich selber die Gesellschaft »bin« und damit auch die Wirtschaft, die Politik und der Konsum. Ich trage alleinige Verantwortung für mein Leben und bin in jedem der angesprochenen Bereiche Unternehmerin (oder selbst gewählter Unterlasser). Meine Chance und mein Potenzial liegen darin, meine Haltung zu hinterfragen und mich meinen Unsicherheiten, Ängsten und Zweifeln zu stellen und diese nicht weiter zu ignorieren. Damit kümmere ich mich um meinen Energiehaushalt, werde handlungsfähig, glaubwürdig. Und ich werde wertvoll für mich selber und mein (wirtschaftliches) Umfeld.

Burnout stoppt vor Haltung.

 

 

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