Aktuell

Glaube ohne Religion

Hoch oben, auf dem heiligen Berg der Kampfkunst, da wo der Blick unbeirrt und die Ruhe selbstverständlich ist, treffen sich allabendlich die Grossmeister aller existierenden Kampfstile. Grossmeister deshalb, weil auch in diesem Feld der Menschheit die Meisterschaft den Weltlichen dieser Erde gehört, das Grossmeistertum jedoch nur den erleuchteten Seelen der besagten Künste zusteht. So sitzen sie nun gemeinsam um das Feuer der Erkenntnis, Muay Thai neben Karate, Aikido gegenüber Taekwondo, Jiu Jitsu Schulter an Schulter mit Wing Chun oder wie sie alle heissen und lassen gedankenverloren das Züngeln der Flammen ums knisternde Holz auf sich wirken. Plötzlich dreht der Grossmeister des Kung Fu, ein kleines Hutzelmännchen mit silbernem Haar, langem weissem Schnurrbart und Ziegenbärtchen unter seinen feinen Lippen und gekleidet in der orangen Kluft des Shaolin Ordens den Kopf zu seinem Sitznachbarn, dem Grossmeister des brasilianischen Capoeira. Die friedvollen, lebensfreudig funkelnden Augen des Asiaten lächeln den braungebrannten, von Sonne und Wind gegerbten Mann mit seinerseits ergrauten Rastas und dem noch heute agilen, muskulösen Körper verschmitzt an, als er fragt: »Sag, mein Lieber, hast Du es jemals gemeistert, Deinen Ellenbogen in seine Gegenrichtung zu biegen?« Der Angesprochene überlegt einen kurzen Moment, erwidert erst genüsslich das Lachen der Augen seines Gegenübers und antwortet ironisch: »Ja, mein Freund. Genau einmal... und dann war der Arm futsch!«


Wir alle sind Menschen. Wir alle wollen eigentlich nur das eine, wir wollen geliebt sein. Unsere Seele landet irgendwann auf dieser Welt und wandert anschliessend ein Leben lang auf Pfaden der Irrungen und Wirrungen, mit dem einzigen Ziel glücklich zu sein, oder es zu werden. Das, bis uns der Atem ausgeht und wir das Zeitliche segnen. Damit verschwindet die Seele aus diesem Spiel, verabschiedet sich von dieser Welt und es folgt ein simples »Game Over«. So betrachtet eine sehr nüchterne Feststellung. Andererseits ist es in sich eine unglaublich wertvolle und hilfreiche Erkenntnis.

Nein, es folgen keine Floskeln und Weisheiten wie »Carpe Diem« (Pflücke den Tag) oder »lebe den Augenblick, es könnte Dein Letzter sein!« Mir geht es in diesen Zeilen um die Befreiung im Ursprung unseres Denkens und nicht in der Zu-Pflasterung offen liegender Verletzungen. Die Erleichterung liegt woanders. Sie liegt im »Wir alle wollen dasselbe«!


Kampfkunst ist nicht gleich Kampfkunst
Die gestellte Frage des Kung Fu Grossmeisters ist für mich wegweisend, wenn es um Glaubensfragen geht. Als Danträger in Taekwondo, also sogenannter Schwarzgurt in der Rangordnung, kenne ich den Weg der besagten »Meisterschaft«. Ich kenne auch das verständnisvolle Lächeln in den Gesichtern der Kampfsport Lehrer, wenn es um andere Kampfkunst-Arten geht. Und ich kenne ebenso die Verbissenheit in der Einforderung von Respekt und Achtung der »Silberrücken«, die sich als grosse Meister positionieren und sich in Politik, Tugendlehre und Moral auszeichnen. Ihnen geht es nur noch um Richtig und Falsch, um Gut und Schlecht.

Das Zwiegespräch zwischen Kung Fu und Capoeira am Feuer der Einsicht besagt nichts anderes, als dass wir alle denselben Körper mit denselben Limiten und Möglichkeiten mit auf den Weg erhalten. Sind alle Register gezogen, stehen wir am Ort, wo es kein Besser und kein Schlechter mehr gibt, sondern nur noch ein »Gleich«. Übersetzt heisst das nichts anderes, als dass das Ziel dasselbe ist, der Weg dahin unterschiedlich.


Wer glaubt, wird seelig
Verfolgen wir die Reise der Seele im Körper des Erden-Menschen, strebt diese bis zum bitteren Ende nach Liebe. Strapazieren wir jedoch eine weitere Lebensweisheit, »ist der Weg das Ziel«. Also wäre es doch das Einfachste, wenn wir uns ab unserer Ankunft in diesem Sein selber und gegenseitig lieben würden. Was ist daran so schwer? Was steht uns dabei im Weg?

Ob wir es uns als Seele auswählen können, in welche Familie wir hinein geboren werden, unterliegt dem persönlichen Glauben. Fest steht, dass unsere Seele in einer Situation, einem Familienkonstrukt, einem Umfeld, und damit oft in einer Glaubensgemeinschaft mit gelebter Religion landet. All das beschert uns mit einem vorgegebenen Selbstverständnis, mit gesellschaftlichen Werten und Moral. Danach leben wir, verinnerlichen es, bis wir unsere Eigenständigkeit erlangt haben und willens sind, kritische Fragen zu stellen.

Nun wage ich zu behaupten, dass die Basis dieses Selbstverständnisses vergleichbar ist mit der Ausgangslage der Kampfkünstler. Folgten wir somit dem Rat unseres lebenserfahrenen, perfekt trainierten Kung Fu Grossmeisters, würde dieser heute sagen: »ein Ziel, ein Körper, ein Potenzial«. Adaptiert auf die Meisterschaft des menschlichen Seins, liegt die Umformulierung »ein Ziel, eine Seele, ein Potenzial« nahe. Das Ziel heisst »geliebt sein«, die Seele »ein wertvoller Funke wie jeder andere«, das Potenzial »Wachstum zum Seelenfrieden«.

Steht uns der Glaube dabei im Weg? Haben wir mit ihm den Schuldigen gefunden? Ich »glaube« nicht. All die unterschiedlichen Orte auf dieser Welt sind Quellen eigener Kulturen und damit verschiedenster Glaubensrichtungen. Kulturen kreiert durch Menschenseelen mit dem einzigen Ziel, ihre Lebzeit in Liebe best möglich zu absolvieren. Selbst ernannte Lehrmeister der ersten Stunde standen darin den neuen Seelen zur Seite und stählten deren Liebesmuskeln, brachten ihnen die notwendigen Toleranzstellungen und Glücksbewegungen bei. Die resultierende Schulung wurde standardisiert und damit als Lehrgang vereinfacht. Es wurden Bücher darüber geschrieben und die darin beschriebenen Überlieferungen mit Namen versehen. »Glaubens-Stile« waren geboren.

Heute sitzen die entsprechenden Grossmeister um ihr Feuer der Erkenntnis auf dem Berg des Glaubens und teilen gegenseitig die Erleuchtung. So könnte beispielsweise Mohamed verschmitzt zu Buddha sagen: »Sag mal, mein Lieber, konntest Du jemals Liebe vermehren?« Der Angesprochene würde wohl aus seiner strahlenden Gemütlichkeit heraus in herzhaftes Gelächter ausbrechen und beim nächstmöglichen Atemzug erwidern: »Wie sollte ich, wenn doch schon ALLES Liebe ist?«


Eine Frage des Bodenpersonals
Eingangs habe ich meine Erfahrungen als Danträger im Umfeld einer Kampfkunst angeschnitten. Den Weg zum Schwarzgurt begann ich auf der anderen Seite des Atlantik. Eine Promotion fehlte mir zu meinem Glück, als ich den Schritt zurück in die Heimat antrat. Natürlich wollte ich mein Ziel erreichen und meldete mich stolz an einer heimischen Schule derselben Kampfkunst an. Ich wurde zurückgestuft zum unbeschriebenen Blatt, durfte quasi nochmals bei »Adam und Eva« neu beginnen, was mein Ego nicht wirklich glücklich machte. Es war für mich ein äusserst saurer Apfel.

Rückblickend ist es das Beste, was ich habe tun können, denn mein neuer Lehrer war akribisch, liebevoll und kompromisslos. Er liess keinen Schritt aus und machte mich jede Erkenntnis selber erfahren. Ich habe mir die Meisterschaft ehr und redlich verdient und durfte meinen Körper von einer ganz anderen Seite kennen und bewegen lernen. Diese Schulung ermöglichte es mir schlussendlich auch, meine gewonnene Erfahrung an andere Kampfkünstlerinnen und -Künstler weiterzugeben.

Unabhängig von all dem lernte ich aber auch das Unterschwellige, Menschliche hinter der Kunst kennen. Intrigen, Missgunst, Neid, Geltungsbedürfnis, Macht säumten den Weg. Gewissermassen nahm die Situation teilweise sogar religiöse Züge an. Es galt zu akzeptieren, zu glauben, fraglos zu respektieren.

Und damit begebe ich mich auf dünnes Eis, denn mit dieser Aussage verteufle ich den Begriff »Religion«, was nicht meine Absicht ist. Ich stehe keiner Glaubensrichtung im Weg, solange sie dem Ursprung der bedingungslosen Liebe entspringt. Und ich bin überzeugt, dass dieser Ursprung die Basis aller Weltreligionen darstellt. »Religiöse Züge annehmen« als Aussage ist jedoch bereits negativ belegt und beschreibt für mich trefflich, wo die schmerzhafte Druckstelle unserer Seelenwanderung als Mensch auf dieser Erde liegt. Solange der Kampfkünstler seine als die wahre, sakrosankte Kunst aller Künste sieht, bewegt er sich weit ab vom Pfad der Gleichheit. »Ein Ziel, ein Körper, ein Potenzial« wird verwirrt durch weltliches Richtig und Falsch. Ob Kampfkunst oder Religion, in beiden Beispielen entspringt die Schmerz bringende Verwirrung im rechthaberischen Menschsein des »Bodenpersonals«.


Ein Ziel, eine Seele, ein Potenzial
Sollen wir nun alle Religionen abschaffen? Gilt es, Glaube und Glauben zu entsagen? Können wir eine geistige Revolution auslösen und gar die Welt retten? Ich denke nicht. Glaube braucht keine Religion. Glaube lässt staunen, ankommen, verweilen, sein und bedingungslos lieben. Glaube ermöglicht Dankbarkeit für die eigene Existenz. Wie man Glaube lebt, ist jedermanns eigene Sache, ob gebündelt in einem religiösen Verbund unter Gleichgesinnten, oder einzigartig durch jeden selbstverständlichen Atemzug.

Was wir tun können, ist uns zu besinnen. Wir können aufmerksam sein, vielleicht sogar geduldig mit uns selber werden und uns jeden Moment unserer Bewertung bewusst sein. Begegne ich gerade bedingungslos? Bestätige ich meine Ängste? Wir dürfen uns selber verzeihen, dass wir trainierter Mensch sind und voreilig reagieren. Das erlaubt Nachsicht gegenüber uns selber und dem restlichen Bodenpersonal. Auch sie sind nur Menschen. Und was ich selber lebe, wird gesehen. Vielleicht färbt es ab?

Sollten wir alle wertvolle Seelen aus demselben Schrot und Korn sein, was ich mir sicher bin, dann wünsche ich uns die Weisheit der eingangs beschriebenen Grossmeister. Ich wünsche uns ihr Leuchten in unsere Augen und ihre Gelassenheit in unsere Herzen. Denn wir alle wollen ausschliesslich bedingungslos geliebt sein. Und wir tragen alle dasselbe Potenzial in unseren Herzen.

 

trustyoursmile.com, Fabian Schmid © 2016

Zurück