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Haltungsveränderung verändert Veränderung

Durch wertefreies Staunen zu neuen Lösungen

APLHA Leitartikel vom 23./24.7.2016, Fabian Schmid (Tagesanzeiger/Sonntagszeitung)


Nehmen wir das Beispiel »Brexit«. Eine schwere Wolke am EU-Himmel hat unser mediales Dasein über Monate getrübt. Bilder der Bedrohung fütterten unsere Vorstellungskraft. Dann die Schreckensnachricht: die Krone verlässt Europa. Darauf die EU: »Dann aber raus und zwar sofort!« Warum fällt es uns Menschen so schwer, Veränderung willkommen zu heissen?

Übergehen wir die Konsequenzen des Brexit. Sie vorauszuahnen liegt nicht in meinem Kompetenzbereich. Mich interessiert, warum fast jeder von uns sich vor Veränderung scheut. Ist es unsere Natur?

»Jeder Anfang zieht ein Ende nach sich, jede Entwicklung folgt einem Ablauf. Nur der Mensch fügt sich seiner Angst vor dem Neuen und versteckt sich hinter der Statik der Gewohnheit.« Ein Satz, einst geschrieben im jugendlichen Übermut. Ich schmunzle: nichts Neues und trotzdem. Uns ist bewusst, dass Veränderung unsere Natur ist. Wir werden vom befruchteten Ei zum Fötus, vom Fruchtwasser-Schwimmer zum frei atmenden, staunenden und später bewussten Individuum, vom getriebenen zum weisen Wesen. Als Teeny sehnen wir uns nach der Entwicklung zum respektablen Erwachsenen, zum interessanten, sexuellen Gegenüber. Wir streben nach Status, erklimmen die Karriereleiter und verändern unsere wirtschaftliche Position. Und zu alledem erneuert sich nahezu unsere gesamte Zellstruktur stetig binnen 7 bis 10 Jahren. Veränderung ist das Gewöhnlichste, was es im Leben gibt.

Es ist eine verrückte Zeit.
Anspruch, Leistung, steigende Geschwindigkeit und Wandel im Arbeitsmarkt, alles entpuppt sich als Herausforderung. Burnout, Resilienz und Auszeit schleichen sich in unseren Wortschatz, werden Teil des Selbstverständnisses. Der Druck steigt auch Zuhause. Wir wollen genügen, als Partnerin, als Eltern. Alle Restenergie wird verbraucht. Mittels Leistungssport kreieren wir neue. Das klärt den Kopf, trägt aber »Leistung« ebenso in sich und die nutzt Energie, um existieren zu können.

Gesunder Menschenverstand 2.0
Erinnern Sie sich, als man eine Software noch mittels Floppy auf den Computer laden konnte? Speicherkapazität 1.5 MB und das Programm funktionierte! Fanden Programmierer einen Fehler, wurde er ausgemerzt. Es folgte das Update und der Speicher füllte sich kontinuierlich. Warum? Wenig Aufwand für viel Ertrag bedeutet, das Programm läuft in den Fehler, krabbelt zurück, umgeht ihn und arbeitet weiter in Richtung Ziel. Problem gelöst. Der direkte Weg wäre ökonomischer.

Auch unser Denken funktioniert in dieser Art. Wir kombinieren aus Erfahrungen, ziehen Schlüsse. Dann wenden wir Energie auf, um nicht in bekannte, unangenehme Situationen zu gelangen. Dabei nutzen wir Glaubenssätze als Inhalt für die Kombinatorik. Ob sie absolut stimmen, hinterfragen wir nicht. Wir haben sie erlernt. Es braucht viel Überzeugungskraft von aussen, bis wir uns alternative Blickwinkel zugestehen. Könnten wir den gesunden Menschenverstand in Urform nutzen, gäbe es keine verkrampften Umwege. Wir würden jede Herausforderung staunend betrachten und unvoreingenommen einen Lösungsansatz suchen.

Dann aber raus und zwar sofort!
Was am Brexit bezeichnend war: die EU reagierte sofort und legte Grossbritannien emotional nahe, umgehend den Verbund zu verlassen. Um es zu untermalen, sprach der Übermittler in Französisch und Deutsch, aber nicht in Englisch. Die anstehende Veränderung war damit nicht eine vertragliche, sondern eine mit Undank behaftete. Hätte die Union hingegen nicht bewertet, würde nur eine neue Ausgangslage bestehen, die es zu meistern gilt.

Solange wir Menschen Situationen emotional bewerten und uns nicht auf neutrale Fakten stützen, wird uns Veränderung schwer fallen. Stehe ich beispielsweise geschäftlich unter Druck, ist mein Energieaufwand um ein Vielfaches grösser, wenn ich mir erst überlege, ob meine Arbeit sinnvoll ist, oder warum ICH sie leisten muss und nicht mein Mitarbeiter. Emotional gesehen sind die Fragen legitim. Nur helfen sie nicht. Ich selber habe meinen Arbeitsvertrag unterschrieben. Dass die Arbeit geleistet werden muss, kann ich nicht verändern, ebenso wenig wie meinen Mitarbeiter.

Wer verändert meine Haltung gegenüber Veränderung?
Erhaschen wir doch spielerisch für einen Tag jeden Impuls, der kommt. Nicht reagieren, nur wertefrei staunen! Ist der Impuls weg, sind es auch die Emotionen. Und das ermöglicht Distanz und Klarheit, ob bei der Arbeit oder privat. Viel Spass beim Verändern!

 

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