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ich nicht, er hat auch! – ein unhandliches Lied

Ich stehe unter der Dusche, das Wasser spült mir die Spinnweben aus den Augen und in meinem Kopf kreist das wunderbare Bild des trotzigen Dreikäsehochs. Erst scheinheilig-blauäugig, dann schmollmundig-rotzig kommt: »ich nicht, er hat auch!«

Natürlich weiss ich, ich sollte morgens nicht als Erstes Facebook besuchen. Und trotzdem habe ich es mir wieder angetan. Ein Tageseinstieg, der die Stimmung ob all der »bewegenden, lebenswichtigen Informationen« durchaus beeinflussen kann. Heute aber war es anders. Anders, weil ein so genannter »Inhalt« meine Aufmerksamkeit wirklich gewonnen hat. Eine junge Frau namens Sarah Lesch singt an einem Protestsongcontest ihr Lied »Testament«.

Meine Facebook-Freunde haben die youtube-Videoaufnahme mit mir »geteilt« und mich damit auf deren Wichtigkeit aufmerksam gemacht. Und ja, heute bin ich echt dankbar dafür, denn Sarah singt brillant über uns, die Gesellschaft. Sie singt nachvollziehbar klar, wie wir alle als feinfühlige Kinder in diese Welt kommen und verlernt erhalten, Kind zu sein, offen zu sein, umsichtig zu sein. Geschult durch wen? Durch uns, die Erwachsenen, die Erfahrenen. In Sarahs Lied kugeln sich »die Götter« vor Lachen über unsere Unfähigkeit zu realisieren, dass wir unseren Kindern die Vernunft auslehren und sie mit gesammeltem Wissen abfüllen, sie so zu Konsumentinnen und Konsumenten trimmen, bis sie sich – wie wir uns selber – nicht mehr spüren.

Die Dusche ist längst ausgemacht, das meinungsbildende Facebook kein Thema mehr, dafür wird Sarahs Video zum Inhalt meines Momentes. Die Frau deckt mit ihm unbarmherzig auf, greift hinein ins Eingemachte und drückt auf all die Knöpfe, die wirklich wehtun: Wir sind alle »Konsumenten« und verändern die Welt nicht zum Positiven. »Alle finden’s Scheisse, aber alle machen sie mit.« Sie schliesst mit den Worten »ich stehe am Rande und sehe Euch [...] Ihr Symptom-Designer [...] Jetzt wartet nicht auf ein versöhnliches Ende, den Gefallen tue ich Euch nicht [...] Wenn die Götter einmal nicht mehr lachen, [...] hinterlasse ich [...] dies unhandliche Lied.«

Wie Recht sie doch hat. Wie wunderbar sie die Situation mit ihrem poetischen Lied auf den Punkt bringt. Sie löst in mir Betroffenheit aus, Wut, Empathie und Hilflosigkeit. Ich sehe mich mit ganzer Vorstellungskraft bereits meine Faust hebend und der Menschheit zurufend »Ihr tut Unrecht, kapiert Ihr es denn nicht?« Doch ich sitze hinter meiner Tastatur und das Bild des Rotzbengels drängt sich wieder in mein Bewusstsein. Der Schelm scheint sich heimlich ebenso aus der Dusche geschlichen zu haben, wirkt mit allen Wassern gewaschen und irgendwie abgebrüht. Er hat es sich in meinem Schoss bequem gemacht und schaut auf meine Zeilen. In meinem Inneren höre ich wieder: »Ich nicht, der andere auch«. Oh Sarah, wie Recht Du doch hast! Aber was nun?

Sarah nennt die Falschen »Traumverkäufer«, »Heuchler« und eben »Symptomdesigner«, die Richtigen »am Rande Stehende«, »Welt-Fremde« und »Nicht Passende«. Damit illustriert sie wunderschön ein Spektrum vom Verursacher bis zum Problem-Erkennenden. Die Schuldfrage ist damit geklärt, da im Bild Gut und Schlecht sichtbar werden. Um Sarah hier nicht unter eine kalte Dusche zu stellen sei erwähnt, dass sie in ihrem Lied jedem von uns das Potenzial zum Guten zuschreibt. Wir alle waren Kinder und könnten uns daran erinnern. Und trotzdem spüre ich in ihrem Lied ein klitzekleines Missverständnis.

Es braucht Aufmüpfige, es braucht Hofnarren, es braucht Denkerinnen und Impulssetzende. Nur so ist Wachstum möglich. Es braucht wohl auch Richtig und Falsch, damit eine Gesellschaft funktionieren kann. Zugegeben, ich habe selber gekonnt in diesem Gut und Böse Spiel mitgespielt und es erwischt mich auch stetig wieder. So einfach ist die Verlockung. Es ist Teil des Menschseins. Doch was ist überhaupt richtig und noch viel wichtiger, wie steht es eigentlich um »die Schuld«?

Ich behaupte, es gibt genau eine »Schuld« auf dieser Welt und das ist die monetäre Schuld. Übersetzt bedeutet das, leihe ich mir beispielsweise einen Kredit, unterschreibe ich dafür einen Vertrag mit ganz klaren Konditionen. Bezahle ich die Schuld zurück, ist der Vertrag erfüllt, zerrissen, die Schuld getilgt und kein Hahn schreit mehr danach. Alle anderen, von uns mit dem Etikett »Schuld« versehenen Situationen oder Handlungen basieren auf gesellschaftlichen Normen und damit auf Recht, Ethik und Moral. Sie regeln Mass und strapazieren unser Gewissen.

Zugegeben, ich mache es mir hier sehr einfach, das aber auch sehr bewusst. Denn die Diskussion würde unendlich und das Resultat weltbewegend ausfallen. Meine Provokation basiert darauf, dass unsere Gesellschaft und damit ihre Normen sich dauernd verändern. Wir haben es geschafft, uns von »Auge für Auge« via Inquisition zu »im Zweifelsfall gegen den Angeklagten« zu entwickeln. Dazwischen gab es wunderbare, humanitäre Höhepunkte, wo Ruhe und Frieden an gewissen Orten der Welt herrschten und wir uns als faire Gesellschaft sehen durften. Das nüchterne, vereinfachte Fazit für mich aus alledem ist, dass was gestern verboten war, heute durchaus legal sein kann, Schuld und Unschuld damit äusserst vergängliche Pflänzchen darstellen. Dazu kommt, wir haben es als Gesellschaft nicht geschafft, emotional eine vollends verbüsste Schuld zu tilgen und den/die ursprünglich Schuldige/n von ihr zu befreien. Das moralische Stigma klebt bis in alle Ewigkeit auf der entsprechenden Stirn und der angesprochene Hahn kräht von allen, dem Moment genehmen Dächern.

Wir sind Menschen und stehen nicht »über der Sache«, sind dem Leben nicht erhaben. Es ist für uns ein Leichtes, einem Gedanken, einer Theorie, einer Bewegung, einer Emotion zu folgen und uns mitreissen zu lassen. Facebook ist darin ein lebendiges Tummelfeld und in sich selber ein Manifest. Oft im Leben ist unser Horizont eingeschränkt, oder ein Schein-Werfer blendet und wir folgen trotzdem automatisch den Gefühlen unserer Empathie, basierend auf unseren im Leben bereits gemachten Erfahrungen. Wie wahrhaftig oder verzerrt unsere Wahrnehmung in diesem Moment ist, können wir nicht absolut beurteilen. Wir meinen es aber zu können und das ist nicht falsch, es ist menschlich. Kennen wir aber nicht auch alle, wie schwer es ist, im Zweifelsfalle für den Angeklagten gerade zu stehen?

Sarah sind wir. Wenn wir eine Erkenntnis erreicht haben, stehen wir zur Seite und beobachten das Geschehen. Wir sehen die Schlechten, wissen, was gut wäre und lassen unsere mahnenden Augen auf ihnen ruhen. So, dass sie es aber auch sicherlich merken, gefälligst! Auch ich selber, der Verfasser dieser Zeilen, schliesse mich darin nicht aus. In meinem Schoss sitzt der Rotzbengel und grinst.

Wie weit hat uns unser Menschsein in der Entwicklung gebracht? Genau da hin, wo wir jetzt stehen und das ist wunderbar so. Man nennt es unbewertet »Status Quo«, übersetzt der »aktuelle Zustand«. Und wenn dieser Zustand, also das Jetzt und Hier, nicht »richtig« wäre, wäre die Realität anders, wäre entsprechend alles anders gekommen. Dafür haben wir in unserer Sprache den Konjunktiv entwickelt. Nur hat dieser mit »Realität« nichts zu tun. Wenn wir nun aber unsere Situation, gerade heute in dieser aufschäumenden Zeit der Verunsicherung und des wachsenden Terrors, unter die Lupe nehmen, haben wir anscheinend aus einer Quelle des Wissens nicht viel gelernt: aus unserer Geschichte. Studien, Erhebungen, Berichte, unendlich viele Worte gesammelt in Büchern und zugänglich gemacht im Internet, ermöglichen uns zu erkennen, dass unser Denken und Verhalten Optimierungspotenzial aufweist. Fehlt es uns am Intellekt? Versagen wir als Gesellschaft? Versagen unsere Hofnarren und wunderbaren Poetinnen wie Sarah Lesch? Nein, tut es nicht, tun wir nicht, tun sie nicht. Meiner Meinung nach fehlt uns allen der Mut zum Risiko. Wir wagen es nicht, wieder Entdeckerinnen und Entdecker zu sein, die Vergangenheit unbelastend und wertefrei hinter uns zu lassen und aus dem Jetzt neutrale Schritte anzudenken – ohne moralische Schuldzuweisung.

Hier ein weiterer Konjunktiv: Wie wäre es, wenn wir es zustande bringen könnten, alle Menschen in eine selbst verständliche Pflicht zu nehmen, umsichtig zu denken und zu handeln? Wie würde es sich anfühlen, wenn wir – jeder von uns – Fehler machen dürften und anschliessend lachend darin unterstützt würden, aus ihnen nachhaltig zu lernen? Wie, wenn das Verschuldete nach gewonnener Einsicht selbstverständlich und unwiderruflich getilgt wäre? Was benötigen wir dazu, um genau diesen Zustand als Gesellschaftsform zu erreichen? Es klingt nach Paradies.

Ich habe den passenden Schlüssel nicht gefunden. Was ich jedoch realisiere: kein Fingerzeig auf andere hilft uns, die Gesellschaft in ihrem Selbstverständnis »zu bessern«. Unser Zeitgeist fördert aber genau das und das Zeitalter von Facebook und Twitter ermöglicht es.

In keiner Weise plädiere ich für das Hinhalten der anderen Wange. Ich plädiere für einen bewussten Schnitt, eine neutrale, geschichte- und wertefreie Ausgangslage, um der gestellten Herausforderung »Leben« neu zu begegnen. Ich für mich, Du für Dich, er für sich, also jeder in seiner ureigenen Selbstverantwortung. Wir alle stellen uns, wie unbelastete, staunende und forschende Kinder. Und damit landen wir erneut bei Sarah Lesch, ihrem Lied und dem Wunsch an uns, ihnen wieder einmal genau zuzuhören, den Kindern. Die, die sich noch spüren. »Und denkt dran, bevor Ihr antwortet, Ihr seid auch bloss verletzte Kinder...«

Danke Sarah Lesch. Danke sehr für Dein unhandliches Lied. Ein grosses Lied. Aber was nun?
Der Rotzbengel in meinem Schoss grinst irgendwie saufrech...

Uns allen viel Spass!

 

 

Sarah Lesch »Testament«

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