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Jahreswechselbad – Hurra, wir l(i)eben noch

Wie viele Stockschläge hat das vergangene Jahr bereits erhalten? Wie oft wurde es bereits beschworen, seinen Geist aufzugeben, aus unserer Präsenz zu verschwinden und einem heilen 2017 zu weichen? Wie viele kluge Köpfe haben bereits ihre reflektierten Erkenntnisse zu den kürzlich verabschiedeten zwölf Monaten in Worte gefasst und diese der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt?

Unzählige, vermute ich. Einer davon ist der Basler Matthias Zehnder. Er hat mit seiner »Anleitung zum Glücklichsein« einen lesenswerten Rückblick geschaffen. Mit seinem Bild der »Briefträger-Verzerrung« durchleuchtet er die Funktionsweise der Medien und deren Wirkung auf unsere Wahrnehmung, sprich unsere Befindlichkeit. Gönn Dir seine Worte, sie lohnen sich, erinnern Dich aber ebenso, dass Du der Schmied Deines Glückes bist – mit Erfolgsgarantie! Du findest seinen Text unter matthiaszehnder Punkt ch.

Ich habe keine Lust, dem alten Jahr weitere Hiebe zu versetzen. Es hat genug gelitten.

Ja, es gab zu viel »Terror«. Ja, die Erde hat gebebt und es sind zu viele Menschen zu Schaden gekommen. Ja, die Politik verkam und verkommt zum Laienschauspiel und Komödienstadel. Das alles und vieles mehr fühlt sich unangenehm an, auch für mich. Matthias Zehnder reagiert darauf in seinem Text umsichtig: Alles krass, ja, aber im Vergleich zur Vergangenheit in keiner Weise ungewöhnlich. Ich füge mein eigenes Beispiel hinzu: Terror in den 70ern war europäisch. Damals hiess er RAF und war in seiner Häufung aktiver als Terror in der heutigen Zeit. Wie weit in den 70ern »Terror« bereits von Muslimen praktiziert wurde, weiss ich faktisch nicht. Aber wenn man bösen Zungen die Chance geben würde eine Behauptung aufzustellen, müssten diese sagen, wir hätten den heutigen Terroristen damals eigentlich das Fürchten gelehrt. Also erneut: alles schon dagewesen. Neu ist, unserem individuellen, empörten Aufschrei so einfach Gehör verschaffen zu können. Dazu kommt unsere wachsende Tendenz, freiwillig impulsiv und unreflektiert zu reagieren. Wieso das?

Der Alltagsdruck scheint hoch und es ist nachvollziehbar so zu reagieren. Das ist für uns Menschen ganz natürlich, ganz normal. Drückt man zu intensiv auf einen Punkt, wird er wund und der Körper schreit nach Erlösung und damit nach dem puren Gegenteil. Genauso funktioniert die ganze Welt. Wir wünschen uns, dass die Druckstellen verschwinden, der »Schmerz« vergeht, dass wir uns entspannen können – wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch. Aber erinnern wir uns kurz an den Moment in unserer Kindheit, wo wir an der Tischkante unseren Kopf angestossen haben und unter Tränen zu unseren Lieben gerannt sind. Wir wollten sofortige Schmerzfreiheit. Sie aber haben gelächelt, uns fest in die Arme genommen und gedrückt und unsere Schmerzstelle mit ihrer Hand sanft zugedeckt, gestreichelt. Oder in alter Manier, wenn auf der Stirn ein potenzielles »Horn« zu wachsen drohte, zogen sie gar eine kühle Münze aus dem Geldbeutel und pressten diese mit Gegendruck auf die Schmerzstelle. Welche schöne Linderung war die Konsequenz. Und wir hatten Zeit, den Schmerz verklingen zu lassen. Vielleicht war es sogar die Ablenkung, durch die wir vergassen, der Druckstelle Wichtigkeit zuzuweisen?

Ist mit diesem Bild aber nicht auch aufgezeigt, dass es im Leben oft einen Mittelweg gibt und nicht nur der Gegenpol die einzige Lösung ist?

2016 bot genügend Stoff für ein Wechselbad der Gefühle. Kneipen auf emotionaler Ebene. Wenn wir uns im 2017 weiterhin dafür entscheiden allen Informationen undifferenziert Glauben zu schenken, werden sie uns ebenso Angstschweiss und kaltes Schaudern bescheren. Wir werden in Gedanken versinken und zwangsläufig schwarzmalen. Bleiben wir uns jedoch zu jedem Moment bewusst, dass genau das Hier und Jetzt »Leben« bedeutet, können wir zur Ruhe kommen. Ich spreche von dem Moment, wo wir einfach »tun« und uns nicht in wilden Gedanken verlieren.

Der Philosoph René Descartes schrieb im sechzehnten Jahrhundert »ich denke also bin ich«. Ebenso schrieb er: »ich muss sein, um denken zu können«. Klingt etwas widersprüchlich und endlos. Aber gehe ich hier davon aus, dass ich existiere, hiesse für mich der perfekt passende Satz für die heute vorherrschende Ablenkungsgesellschaft »ich denke also stress ich«. Nämlich mich selber. Denn ich stelle mir gedanklich angsteinflössende Szenarien vor und bin nicht im Jetzt. Ich sorge mich über Dinge der Vergangenheit oder der Zukunft und verpasse das Leben. Und damit klar ist, dass ich die Fähigkeit des Denkens nicht verteufle, höchstens differenziere: Entscheide ich mich hingegen verspielt für die Lösung einer mathematischen Gleichung und »verliere« mich in dieser Denksport-Herausforderung, »bin ich« genüsslich im Moment aktiv. Dann macht Denken Spass und tut gar nicht weh!

Was wünsche ich mir für das 2017? Ich wünsche mir Gelassenheit. Ich wünsche mir, dass ich aufmerksam bin und meiner Umgebung genau das schenke, was ich mir ganz egoistisch von ihr erhoffe. Ich wünsche mir, dass ich Verantwortung übernehme für mein Wohlbefinden und nicht suche, was Ungutes existiert und mir Schmerz bereiten »könnte«. Ich wünsche mir, mich von der Schuldfrage zu lösen und offen zu sein für das Unvorstellbare. Ich wünsche mir das Bewusstsein, dass ich ein aktiver Teil der Erde, der Menschheit und der Gesellschaft bin und damit ein handlungsfähiger Repräsentant der Zukunft, der Politik, der Wirtschaft und des Konsums. Und ich wünsche mir, dass ich meine Eigenverantwortung wahrnehme und Veränderung als eine willkommene Option betrachten kann. Und all das in bedingungsloser Liebe und nicht aus Angst.

Ich wünsche uns ein 2017. Das schaffen wir.
Hurra, wir l(i)eben.

 

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