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Konzept Resilienz

Die Wirtschaft erwartet Resilienz. Die Gesellschaft schreit nach Work-Life-Balance und jeder steht gefühlt nahe am Burnout... Und genau jetzt fordert uns das Weltgeschehen zusätzlich noch heraus. Wer oder was gibt uns da überhaupt noch Halt?

Keine Frage, die Sinnhaftigkeit hinter einem Aufbau von Resilienz ist für mich nachvollziehbar. Ebenso kenne ich das Thema Ausbrennen persönlich und verstehe die Absicht, zwischen Leistung und Erholung einen sinnvollen Ausgleich zu finden. Trotzdem betitle ich diesen Text bewusst und absichtlich mit »Konzept«. Wieso das? Es geht mir um Begrifflichkeit und um Bewusstsein. Denn mit unserem Bewusstsein steuern wir alles. Es entscheidet, ob ich es zulasse in den Ausnahmezustand zu treten, oder wieder aus diesem herauszukommen.

Resilienz durch dicke Haut?

Kürzlich wurde ich darauf hingewiesen, wie lebensnotwendig es sei sich abzugrenzen. Meine spontane Antwort darauf war »Ich glaube nicht an Grenzen. Etwas Ausgrenzendes aufzubauen provoziert automatisch Gegendruck und diesen zu halten, oder mich gar stützend gegen den Druck stemmen zu müssen, verlangt mir Leistung ab. Leistung fordert Energie ein und dieser Verbrauch addiert sich zum alltäglichen Normalverbrauch. Damit wird meine Batterie zusätzlich belastet und ihre Leistungsdauer entsprechend verkürzt. Ich selber ziehe es daher vor, Dinge nicht persönlich zu nehmen und Angriffen leichtfüssig auszuweichen. Das fühlt sich eher wie Tanzen an. Tanzen macht Spass.«

Abgrenzung hat eine gewisse Verwandtschaft mit Resilienz. In beiden Fällen geht es darum, sich eine dicke Haut zuzulegen, damit ungewohnt belastende Einflüsse daran abperlen können. Mit »dicker Haut« versuchen wir auszudrücken, dass wir Schutz aufbauen, um Dinge nicht an uns heranzulassen. Somit sind wir beim identischen Resultat: Abgrenzung durch Resilienz, Resilienz durch Abgrenzung.

Weshalb die »Tüpflischiisserei«?

Es hat seine energetischen oder emotionalen Gründe. Machen wir einen kleinen Ausflug in die Medizin. Im menschlichen Organismus entstehen von Zeit zu Zeit ganz natürlich »Krebszellen«. Da unser Körper über Selbstheilungskräfte verfügt, stellen sie keinen Grund zur Sorge dar. Unser Abwehrsystem kümmert sich um sie. Natürlich würden aber auch sie in dem Moment bei einem genauen Labortest sichtbar. Würde basierend darauf der Arzt seinem Patienten tief in die Augen schauen und ihm sagen »Sie haben Krebs«, hätte das drastische Konsequenzen. Die Psyche des Angesprochenen löst einen Schockzustand aus, Gefühle der Angst und Panik werden kreiert und das Gleichgewicht zwischen Körper, Seele und Geist gerät aus den Fugen. Das Bewusstsein interpretiert, dass der Körper terminal krank ist und als Konsequenz werden jegliche Selbstheilungskräfte ausser Kraft gesetzt. Und genau dieses »Wissen« kann tödliche Folgen haben.

Wissen ist mächtig

Dieser kleine Ausflug war daher notwendig, weil unsere Psyche auch in anderen Belangen identisch reagiert. Sitzt mir beispielsweise im Coaching ein Mensch gegenüber, der »weiss«, dass er ein Burnout hat, ist der grösste Begleitungsaufwand nicht seine energetische Balance wiederherzustellen, sondern ihn dazu zu bewegen, das Konzept »Burnout« wieder aus seinem Bewusstsein zu verabschieden. Ebenso ist es beim Wissen über »mein Anrecht auf Work-Life-Balance« nicht anders. Weiss meine Psyche, dass potenziell unglaublich viel Leistung auf mich wartet, verlangt sie präventiv nach Erholung. Sieht sie in der Zukunft tendenziell zu wenig davon, löst sie sicherheitshalber Stress aus, was für den gesamten Organismus zur Belastung wird. Die Arbeit selber steht aber auch noch vor der Tür! – Zu alledem ist bei »Work-Life-Balance« noch ein inhaltliches Missverständnis miteingebaut: Der Begriff suggeriert, dass Arbeit primär nicht »Leben« bedeutet und damit per se Energiefresser ist. Das ist falsch. Ich persönlich lebe auch beim Arbeiten und ein Tageswerk zu vollbringen schenkt mir durchaus Befriedigung und damit Energie.

Klarheit bringt Klarheit

Heutzutage schleudern wir mit Begriffen um uns, deren Bedeutung wir uns gar nicht mehr bewusst sind. Beispielsweise ist »Stress« ursprünglich ein Abfallprodukt einer misslungenen Versuchsreihe aus den Vierzigern des letzten Jahrhunderts. Ihr unerreichtes Ziel war es ein neues Sexualhormon zu finden. Um die Studie nicht als gescheitert deklarieren zu müssen, wurde als Erfolg »der Überlebenskampf der Laborratte« als neuer, wissenschaftlicher Begriff »Stress« definiert. Wer von uns Gestressten würde heute seinen Alltag mit »Kampf auf Leben und Tod« bezeichnen? Ganz alltäglich ist auch unsere Verwendung von »Burnout«. Fast schon als Unwort hält es Einzug in unserer Umgangssprache. Wer von uns kennt die Belastung und die teils lebensbedrohlichen Konsequenzen eines Ausbrennens für Körper und Psyche wirklich? Ich kann die Erfahrung nicht weiterempfehlen. Seien wir pingelig und ganz ehrlich: haben wir die Expertise und das Recht uns damit zu schmücken, »haarscharf« an einem Burnout vorbeigeschrammt zu sein?

Wenn wir dem alltäglichen Leidensdruck wirklich Herr oder Frau werden wollen, ist es dann sinnvoll Resilienz anzutrainieren, oder sich eine dicke Haut wachsen zu lassen? Übersetzt hiesse das, zusätzlich zur der anstehenden Leistung eine Leistung zu erbringen um den Erwartungsdruck auszuhalten!

Meine ich mit »Resilienz« Resilienz?

»Resilient« im Englischen bedeutet gemäss Webster’s Dictionary »capable of withstanding shock without permanent deformation or rupture«, vergleichbar mit einer Plastikstossstange eines Autos, die sich nach einem Schupser von selber wieder ausbeult, ohne zu brechen. Zwischenmenschlich ähnelt das Bild einem unbeabsichtigten Rempler, der mir im Bahnhof widerfahren kann. Mein Körper steckt das weg, notfalls mit einem blauen Flecken auf Zeit. Trainiere ich in diesem Szenario bewusst »Resilienz«, stähle ich quasi meinen Körper und befähige mich damit, in Stosszeiten dem Strom der Pendlerinnen und Pendler Paroli zu bieten, ohne einen Schritt von meinem Pfad abzuweichen. Fazit: Ich nutze die erlernte Nehmerqualität und halte bewusst jeden von mir selber provozierten Rempler aus. Ein absurdes Bild. Auch in diesem Beispiel tendiere ich persönlich eher Richtung Offenheit und Aufmerksamkeit mit dem Ziel, mich leichtfüssig und agil im Fluss zu bewegen.

Wenn also nicht Resilienz aufbauen, was dann?

Habe ich eine stark blutende Wunde, lege ich einen Druckverband auf. Ist der Heilungsprozess genügend fortgeschritten, braucht die Narbe Luft, um vollständig genesen zu können. Kratze ich die Wunde jedoch unbewusst stets wieder auf, brauche ich immer wieder neue Druckverbände. Die Wundheilung wird dadurch langwierig und im Extremfall entsteht Entzündung und Wundfäule.

Resilienz und Abgrenzung wirken wie ein Druckverband. Ist mein Körper geheilt, braucht es den Verband nicht mehr. Die spannende Frage ist, wie bin ich zu meiner Verletzung gekommen? Habe ich mich für eine Situation mit Verletzungspotenzial entschieden (zum Beispiel für einen Job mit vielen spannenden Themen und einem stets engen Terminplan)? Was lässt mich meine Narbe unbewusst stets wieder aufkratzen? Verwenden wir also das Bild des Bahnhofs zur Hauptverkehrszeit nochmals. Was motiviert mich, mich bewusst gegen den Strom der Passanten zu stellen und mich damit selber zu verletzen?

Erkennen, durchatmen, lachen und... tanzen!

Durchatmen entspannt. Lachen erleichtert. Wir alle sind Menschen. Die Herausforderung nennt sich Leben. Unsere Druckstellen heissen »Anrecht auf«, »entsprechen wollen«, »genügen«, »Existenzangst«, »Schuld« und vieles mehr. Sie alle sind nicht einzigartig. Jeder von uns wird von ihnen gefordert. Aber genau diese Themen gilt es unter die Lupe zu nehmen, kritisch und ehrlich. Dabei ist liebevolles und wohlwollendes Forschen in eigener Sache angesagt. Sind sie verabschiedet, reissen wir keine alten Wunden mehr auf und können uns endlich wieder unbeschwert bewegen. So werden wir zu lustvollen Tänzerinnen und Tänzern, die nicht mehr ausbrennen können und die ihre Balance – ohne Konzepte und Aushalttrainings – in allen Facetten des Lebens spüren und leben.

Und das gibt Halt. Jederzeit und überall.

 

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