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Rubrik:Tat-Sachen

Erfolgreich Konkurs

Das Kulturhotel Aige Esdewebe mit seiner Aktions-CaféBar plus 12 Zimmern Bed&Breakfast schliesst seine Tore.

Vor etwas mehr als zwei Jahren wurde ich von der Stadtentwicklerin der Stadt Zug gefragt, ob ich eine Idee für die Übergangsnutzung einer städtischen Liegenschaft hätte. Das Projekt solle einerseits wirtschaftlich, andererseits kulturell sein und helfen, die Zuger Altstadt zu beleben. Letztes eine längst überfällig gute Idee, fand ich. Ich entwickelte ein Konzept, Business- und Finanzplanung, legte alles der Stadtregierung vor, entsprach damit ihrer strategisch-kulturpolitischen Vorstellung und erhielt den Zuspruch. Neun Monate später öffnete das Aige seine Tore.

Dies war nur durch die Finanzierung privater Darlehensgebenden möglich, die an mich und auch an die Kultur ihrer Stadt glaubten. Mit dreihundertfünfzigtausend Franken für Umbau und Startkapital sowie etlicher Fronarbeit wunderbarer Menschen, startete die Aige GmbH ins Rennen. Für mich eine wunderbare Ausgangslage, denn ich konnte all meine bisherigen Erfahrungen einbringen. Nebst dem grundsätzlichen Aufbau eines weiteren Unternehmens, wurde mir ermöglicht, die komplette Architektur, das Bewilligungswesen, Bauplanung und -Führung, feuerpolizeiliche Einbauten, sprich den ganzen Umbau vor Ort in »Aigenregie« durchzuführen. Auch den Innenausbau zu entwickeln und alle benötigten Möbel zu entwerfen war mir vergönnt. Ein genussvoller Spielplatz für mich und gleichzeitig unendliches Sparpotenzial fürs Aige. Denn hätte man diese Arbeiten extern vergeben, wären die Investitionen für dreieinhalb Jahre Betriebszeit nicht zu rechtfertigen gewesen.

Um das Projekt überhaupt zu ermöglichen, offerierte die Stadt einen fairen Mietzins. Fair dadurch, weil ein marktüblicher Preis während dieser kurzen Betriebszeit gar nicht amortisierbar gewesen wäre. Als Gegenleistung nahm sich der neue Kulturort seinem Auftrag an, positionierte sich innerhalb eineinhalb Jahre mit mehr als 220 Kultur-Aktionen. Das Aige aktivierte die Zuger Altstadt, soweit es ihm möglich war. Ohne Kultursubventionen, ausschliesslich durch die Querfinanzierung von Hotel, Gastronomie und Kultur.

Unser Start-up war trotz herausfordernden, teils stadtgeschichtlichen und politischen Umständen stets auf Kurs. Was ihm fehlte, war das finanzielle Polster, um wirtschaftliche Schwankungen auszuhalten. Eine zusätzliche Herausforderung war die fehlende Laufkundschaft in der Altstadt. Eine Tatsache, unter welcher viele dort ansässige KMUs leiden. Die natürliche Stadtentwicklung Zugs bewegt sich Richtung Bahnhof.

Die Eurokrise 2012 und dadurch ausgelöstem Einbruch der schweizweiten Hotellerie zwang das Aige in die Knie. Flucht nach Vorne hiess die letzte Rettung. »Zug, wotsch dis Aige? Mier sind grüschtet!«. Unterstützt durch Künstlerinnen und Künstlern sowie Grössen aus Wirtschaft und Öffentlichkeit, machte das Aige auf seine Situation aufmerksam. Mittels Crowdfunding kamen vierzigtausend von benötigten zweihundertfünfzigtausend Franken zusammen und unser Aufschrei liess die Politik erwachen. Ein sinnvoller Vorschlag – notabene des ursprünglich grössten Kritikers unseres Kulturhauses – und die breitflächige Zustimmung des Grossen Gemeinderates, gaben den Stadtvätern und -Mutter die Rückendeckung, die weitere Existenz des Aige zu ermöglichen. Die Stadt solle dem Start-up die Unbauinvestitionen in die städtische Liegenschaft abkaufen und ihm damit das überlebensnotwendige Liquiditätspolster garantieren.

Alle haben an das Aige geglaubt. Es gab keine Betreibungen. Unsere Lieferanten wussten stets von unserer Lage und kämpften mit uns. Ein neutrales Architekten-Team berechnete den Umbau-Mehrwert und zusammen mit den Crowdfunding-Einnahmen hätte es bei einem Zuspruch schon fast gereicht. Doch das Klima war durch einen medialen Tsunami um den Zuger Finanzchef aufgewühlt und politische Verunsicherung omnipräsent. So entschied der Stadtrat, keinen Betrag zur Rettung des Aige zu sprechen. Man glaube nicht an den zukünftigen, wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Schade. Das Aige war in den letzten zwei Monaten seines Daseins bereits selbsttragend und seine angestrebte Zimmerauslastung von 60% erreicht. Hätte die Stadt eine verbindliche Zusage gemacht, wären sogar Mäzene bereitgestanden, die das Loch zum Erreichen der benötigten Summe gestopft hätten. Sie hatten bewusst abgewartet. Denn die stadtplanerisch, strategische Absicht eine Altstadt zu (re)aktivieren, kann und darf nicht ausschliesslich durch ein privates Unternehmen garantiert werden. Man erwartete ein Bekenntnis seitens der Stadt.

So habe ich den Konkurs eingeleitet, bevor wir dazu gezwungen wurden.

Das Aige hat auf seinem Weg seine Anfängerfehler gemacht, schnellstmöglich aus ihnen gelernt und ist daran stetig gewachsen. Ein wunderbares Team identifizierte sich mit ihrem Unternehmen und hat alles gegeben. Unsere Kundschaft, oder besser gesagt die wunderbare Aige-Familie, fühlte sich bei uns wohl und liess es uns spüren. Viele begnadete, bekannte Künstlerinnen und Künstler sind bei uns (für Topfkollekte!) aufgetreten und haben unser selbstständiges Kulturhaus damit unterstützt. Doch das alles wäre nicht möglich gewesen, hätten wir nicht besagte Unterstützung unserer Darlehensgebenden, unserer Fronarbeitenden und Kreditoren gehabt. Ihnen gilt nebst unserer Kundschaft ein grosses Dankeschön!

aige esdewebe: alles ist gut, solange du wild bist!

Erfolgreich Konkurs? Ein Start-up braucht zwischen drei bis fünf Jahre, bis es selbsttragend ist. Wir sind weit gekommen, haben versucht, eine strategisch erwünschte Veränderung unserer Stadt zu ermöglichen. Wirtschaftlich sind wir am fehlenden Polster gescheitert. Politisch gerieten wir unter »friendly fire«. Kulturell haben wir es geschafft. Wir können stolz darauf sein.

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