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Rubrik:Fachwissen

Angst und Unternehmergeist
»Nein meinen, Ja sagen«

(Leitartikel ALPHA vom 10.11.07, Fabian Schmid)

»Sagen Sie nie ja, wenn Sie nein meinen« ist ein Zitat aus einem Artikel zum Thema Burnout. Bitte lesen Sie die Aufforderung noch einmal durch und lassen Sie sie wirken. Versuchen Sie zu spüren, wie Ihr Bauch darauf reagiert. Kennen Sie das Gefühl? Können Sie es beschreiben?

Wir sind eine Leistungsgesellschaft. Gemeinsam haben wir sie kreiert und jeder leistet im Kleinen tagtäglich seinen Beitrag. »Höher«, »weiter«, »schneller«, »schöner«, »effizienter«, »besser« ist Normalität geworden. Der Anspruch findet sich in der Mode, Freizeit, im Sport, der Wirtschaft, Bildung und Sexualität. Wir leben ihn uns gegenseitig vor. Ganz aus freiem Wille. Wir könnten uns dagegen entscheiden. Zugegeben, mit gewissen Konsequenzen.
Das grösste Vergehen in unserer Kultur liegt im Begehen eines Fehlers. Unbewusst setzen wir die Latte hoch und uns selber unter Erwartungs-Druck. Der Wettkampf beginnt. Wie kann ich vor Versagen sicher sein? Was mache ich mit wachsendem Zweifel? Fazit: Wir akzeptieren (teils unbewusst) unterschwellige Angst und funktionieren. Es ist die Angst vor Verlust von Status, Glaubwürdigkeit, Liebe, Wert bis hin zu Existenz. Unser Gesicht wollen wir nicht verlieren und so leben wir mit einer tief liegenden Verunsicherung. Alles im Griff! Wir lenken ab, ignorieren, kompensieren.

Studien über Studien

Gemäss Studien des seco der letzten zehn Jahre betragen die jährlichen Kosten von Stress an schweizerischen Arbeitsplätzen mindestens 4 Milliarden Franken. Mehr als 8 aus 10 Arbeitnehmenden fühlen sich gestresst und drei von ihnen bezeichnen ihre Arbeit als oft oder sehr oft psychisch belastend. Jeder Achte kann seinen Stress nicht bewältigen und ist auf Hilfe oder Hilfs-Mittel angewiesen. Nur jeder Dritte glaubt Stress völlig im Griff zu haben. Betrachtet man das Thema Mobbing, entsprechen 7.6% der Befragten den wissenschaftlich definierten Kriterien. 4.4% deklarieren sich selber als Mobbing-Opfer, wobei die Schnittmenge zwischen Gemobbten und Selbstdeklarierten erstaunlicherweise nur 2.4% beträgt. Jeder Zehnte leidet somit krankhaft darunter. Aus einer aktuellen Studie zum Thema »Work-Life-Balance« der ETH/Uni Zürich geht hervor, dass je nach Bevölkerungsgruppe bei 25-40% der Angestellten ein mittleres bis hohes, subjektiv wahrgenommenes Ungleichgewicht zwischen Beruf und Privatleben besteht. Interessant und überraschend zugleich ist die Feststellung, dass Menschen in Positionen mit flexiblen Arbeitszeiten, Mitspracherechten und Entscheidungskompetenzen nicht zwangsläufig eine verbesserte Work-Life-Balance aufweisen.

Macht Angst Sinn?

Angst bedeutet Macht. Richtig eingesetzt, kann man mit ihr führen, erfolgreich politisieren und sogar wirtschaftliche Erfolge erzielen. Letzteres kommt unserer Gesellschaft zu Gute, denn mit steigendem Sicherheitsbedürfnis generieren entsprechende Wirtschaftszweige zusätzliche Arbeitsplätze. Missbraucht und schürt man Angst, wird sie bedrohlich und für das Individuum teilweise krankhaft. Gäbe es keine Angst, viele Absicherungen wären überflüssig, sozial-kulturelle Probleme Ansporn zu innovativem Lösungsdenken, Politik würde sich ausschliesslich um Inhalte drehen und Authentizität wäre das einzig glaubwürdige Führungsmittel. Aber Angst macht auch Sinn, denn sie ist ein natürlicher Warn- und Schutzmechanismus für uns Menschen.

Überforderung und ihre unternehmerischen Konsequenzen.

Unsere Medien bombardieren uns permanent zum Thema Überforderung. Dies fördert nicht nur die bereits vorherrschende Verunsicherung, sondern lädt zur Identifikation mit beschriebenen Belastungen ein. Es ist heute durchaus modisch, gestresst, gemobbt und ausgebrannt zu sein. Rechnet man den Prozentsatz der »Mitläuferinnen und Mitläufer« zu den wirklich Betroffenen und betrachtet zusätzlich den Graubereich aller Arbeitnehmenden, welche unter nicht belastungsfreien Umständen ihren Auftrag verrichten, stellt sich eine unternehmerisch wichtige Frage: Wie gross ist der angehäufte Verlust an Produktivität und Effektivität für ein Unternehmen und wie gross die dadurch entstehende finanzielle Einbusse?

Unternehmen contra unterlassen

Angst hemmt den Unternehmergeist. Die Wahrnehmung verändert sich und verliert zunehmend an Realität. Der Energiehaushalt wird gestört und kreiert körperliches Unwohlsein. Man fühlt sich bedroht und jegliche Kreativität wird blockiert. Unsere Haltung wechselt von unternehmerischem Denken und Handeln zu Sichern und Halten. Die Erkenntnis ist nicht neu und hier kommt die jeweilige Unternehmenskultur ins Spiel. Ein Unternehmen, in welchem Menschen nicht unternehmen können, hat diesen Namen nicht verdient. Die meisten Firmen sind sich dessen sehr bewusst und budgetieren entsprechende Positionen ein. Mitarbeiterzufriedenheit wird hoch geschrieben und vieles dafür unternommen. Mitarbeitende sind das wertvollste Kapital. Warum sehen die Erhebungen besagter Studien trotzdem so beunruhigend aus?

Haltung prägt Handlung

»Sagen Sie nie ja, wenn Sie nein meinen«. Nein sagen, braucht Mut. Noch wichtiger, es verlangt nach Eigenverantwortung. Die unangenehme Frage heisst: wessen Leben lebe ich? Jeder Mensch ist für sich selber verantwortlich. Auch wenn wir Verantwortung für unsere Verpflichtungen übernommen haben, beispielsweise für unsere Familie, müssen wir uns bewusst sein, dass wir nur das tun können, was in unserer Macht steht. Mehr geht nicht. Wir haben ausschliesslich die Chance und das Potenzial, uns unseren Unsicherheiten, Ängsten und Zweifeln zu stellen und diese nicht weiter zu ignorieren. Dies gilt es zu tun. Erreichen wir dadurch eine realistische Wahr-Nehmung, verändert sich unsere Haltung gegenüber der Situation und wir handeln objektiv und zielorientiert – zum Besten aller.

Der Prophet im eigenen Lande

Jeder Mensch hat die Kraft sich zu verändern. Ist er einmal angstfrei, kann er bei seinem Gegenüber potenziell Unsicherheit auslösen. Denn angstfreie Menschen sind nicht leicht zu führen: Sie verlangen nach Authentizität. Ist ein angstfreier Mensch selber an der Spitze, strahlt er Glaubwürdigkeit aus und inspiriert sein Umfeld. Er steht zu seinen Fehlern, lernt daraus und beeinflusst damit die vorherrschende Kultur. Wo Fehler gemacht werden (dürfen), entstehen Innovationen.

Menschen brauchen Vorreiter

Kämpfen Vorreiter unterdrückt gegen eigene Dämonen, verbreiten sie automatisch Verunsicherung. Gehen sie jedoch überzeugt ihren Weg, kennen die Tücken ihrer eigenen Angst und fühlen sich wohl in ihrer Haut, brauchen sie ihr Umfeld nicht mehr zu überzeugen. Man wird ihnen folgen wollen. Kennt ein Vorreiter Angst nicht, weil er das Glück hatte, nie an seine Grenzen zu stossen, lohnt es sich trotzdem einen Blick auf sie zu werfen. Auch wenn dieser Gedanke Angst auslösen könnte.

 

(ALPHA-Web-Version)

 

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