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Rubrik:Fachwissen

»Burnout lohnt sich nicht«

Wessen Leben leben wir?

Früher waren wir »gestresst« und wussten nicht mehr, wo unser Kopf steht. »Stress«, eine für Mensch und Tier körpereigene Reaktion, die eintritt, wenn es ums Überleben geht, wurde mit der Zeit zum Ausdruck eines salonfähigen Lebensgefühls. Heute sind wir bereits einen Schritt weiter. Damit ich meinem Alltagsdruck wirklich Gewicht beimessen kann, spreche ich fast modisch und leichtfertig von meinem »Burnout«.

Ich bin kein wissenschaftlich geprüfter Burnout-Experte und wäre der Letzte, der jemanden in diesem Ausnahmezustand hinterfragt. Das mir angeeignete Wissen in diesem Bereich stammt grösstenteils aus eigener Erfahrung. Mein »Ausbrennen« liess mich das »alte Leben« von einem Tag auf den anderen um hundertachtzig Grad drehen und so die vermeintliche, wirtschaftliche Sicherheit aufs Spiel setzen. Ganz zum Unverständnis meines Umfeldes, denn ich hatte so lange so souverän und erfolgreich funktioniert.

Als langjährig bewährte »Energiebombe« seinen Nächsten klarzumachen, dass man wirklich ausgebrannt ist, stellt sich als schwierig heraus. Vor allem, wenn man sich selber nicht eingestehen kann, dass man »es nicht mehr im Griff hat«. So wird der Satz »ich habe ein Burnout« für mich als Absender zu einer bedrohlichen Mutprobe, für den Empfänger zur modischen Version von »er ist gestresst«.

»Burnout lohnt sich nicht« ist ein wirksamer Titel, um eine Leserschaft anzulocken. Das weiss ich aus meiner Zeit als Kommunikationsberater. Aber die Aussage ist wirklich wahr, denn es gibt keinen Grund, wieso wir es je soweit kommen lassen sollten. Nur, wo liegt der Hund begraben? Auch da kann ich nicht als Experte mit einschlägigen, wissenschaftlichen Studien aufwarten, aber ich habe selber gespürt, wie mein Funktionieren im »System« mein Leben beeinflusst hat und mit welchen Konsequenzen ich mich konfrontiert sehen musste.

Einerseits nehme ich meinen Platz in der Gesellschaft ein und leiste meinen sinnvollen, sozialen Beitrag. Andererseits entscheide ich mich für ein vorgegebenes Werte- und Bewertungssystem und versuche »Erwartungen« gerecht zu werden – vermeintlichen Erwartungen Anderer und denen an mich selber. Es geht dabei um Anerkennung, Selbstwert, Status, Liebesbeweis, Verlustangst und vieles mehr. Und so leiste ich, beweise ich und bin mir dabei selten selber wahrlich bewusst. »Burning out« passiert unbeachtet und schleichend und allfällige Anzeichen verdränge ich erfolgreich, denn ich mache alles richtig. In wessen Augen?

  • Wer bin ich wirklich?
  • Was will ich, wenn ich mir gegenüber ehrlich bin?
  • Worin liegt meine Motivation und glaube ich, an was ich tue?
  • Lebe ich mein Leben, oder das Anderer?

Könnte ich zum Zeitpunkt vor einem Ausbrennen diese Fragen »selbst-bewusst« beantworten, bestünde kein Risiko, meine Balance zu verlieren. In dem Fall wäre ich jedoch gefordert, mir selber- und allen anderen gegenüber für mein Sein und Handeln gerade zu stehen. Das braucht Mut und Kraft.

Lohnt sich ein Burnout? Nein. Sich selber gegenüberzutreten und »hinzuschauen« löst zwar Angst aus und scheint im Moment anstrengend, ist aber im Nachhinein befreiend und viel weniger schwierig, als sich mit den Konsequenzen des Ausbrennens – dem erwähnten »Ausnahmezustand« – auseinanderzusetzen. Dazu ist Umdenken nötig.

Und noch Etwas: Weder Stress noch Burnout sind Modeerscheinungen. Es handelt sich um lebensbedrohliche oder zumindest krankhafte Konditionen.

fabian.schmid@trustyoursmile.com
©2007

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