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Rubrik:Fachwissen

»Burnout lohnt sich«

So viel zu Umdenken.

Eine doch schon abgegriffene Weisheit besagt, »was mich nicht umbringt, macht mich stark«. Dabei steht sie in ihrer gesellschaftlichen Anwendung nicht im Guten, sondern provoziert mit dem Gedanken »jetzt tu nicht so und hör auf zu jammern«. Ebenso wird im Alltag oft leichfüssig eingebracht, dass das Chinesische Wort für »Krise« gleichzeitig für »Chance« steht. Hier geht es jedoch eher um die Motivation, hinter jedem Negativen den potenziellen Lernzweck zu erkennen.

Wer meinen Beitrag »Burnout lohnt sich nicht« gelesen hat, wird sich berechtigt fragen, was diese Gedanken sollen. Erneut, ich bin kein wissenschaftlich geprüfter Burnout-Experte, habe jedoch am eigenen Körper und der eigenen Seele erfahren, was seine Konsequenzen sind – wirtschaftlich, gesellschaftlich, physisch und emotional. Ein Burnout lohnt sich wirklich nicht, hat man es trotzdem, birgt es eine enorme Chance.

Ein Burnout zwingt zum Handeln. Ist es zu weit fortgeschritten, bin ich krank, momentan handlungsunfähig und daher auf psychologische oder gar medizinische Hilfe angewiesen. Hat es dieses Stadium noch nicht erreicht und ich wage, mich der Herausforderung zu stellen, erlaubt es mir, mich selber zu erkennen und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Die grundsätzlichen Fragen bleiben dieselben:

  • Wer bin ich wirklich?
  • Was will ich, wenn ich mir gegenüber ehrlich bin?
  • Worin liegt meine Motivation und glaube ich, an was ich tue?
  • Lebe ich mein Leben, oder das Anderer?

Im Gegensatz zum Betätigen der Notbremse vor einem Burnout, bin ich – mitten drin – mit vielen Zweifeln und Ängsten konfrontiert: Glaubwürdigkeit, (Selbst)Wert, Status und Ansehen, Zukunft, bis hin zur Liebenswürdigkeit. Alles scheint in Frage gestellt und die Energie fehlt, sich selber zu neuen Taten zu motivieren. Für mich persönlich war beispielsweise die schwierigste Einsicht, nicht mehr »Unmögliches möglich machen« zu können. Ich schien meinen »USP«, also mein vermeintlich »einzigartiges Verkaufsargument« verloren zu haben. Die Konsequenz heisst Existenzängste.

Der Ursprung dieser Spirale ist nachvollziehbar. Wie aber kann ich meine sich drehende Gedankenwelt stoppen und wieder aktiv werden. Für mich war es wichtig zu verstehen, dass mein überlastetes System sich mit Gedanken, Hypothesen und wilden Vorstellungen herumschlug und es sich dabei nicht um »Wahres«, also um Tatsachen handelte. Ich musste lernen, wieder anders zu denken.

Und damit sind wir auch in diesem Text am selben Punkt: Umdenken.

Als motivierter Mensch verrichtet man seine Arbeit mit Freude und ist stolz auf seine fast schon übermenschliche Belastbarkeit. Sie stellt einen schönen »Schmuck« für meine Umwelt, aber vor allem für mich selber dar. Ansehen, Respekt, Bewunderung geben gute Gefühle und natürlich die wohlverdiente Bestätigung. Unglücklicherweise konditioniere ich mich dabei über Zeit so, dass das Tragen von Last zur Normalität und somit zur Gewohnheit wird. Ich verliere die Vorstellungskraft wie es sein könnte, ohne Belastung zu leben. Also suche ich die Herausforderung als »Bestätigung«, vergesse aber, dass ich Energie benötige, um meinen Akku zu laden. Übrigens kennt jeder von uns die Problematik von erschöpften Akkus bei Handys und Laptops. Sie müssen durch Neue ersetzt werden, wenn sie nicht mehr aufgeladen werden können. Das ist kein Problem, höchstens eine Kostenfrage. Diesen Luxus haben wir Menschen leider nicht.

Lohnt sich ein Burnout? Natürlich nicht. Wer aber in seine Fänge gerät und sich nicht dagegen wehrt, sondern es als Ausnahmezustand akzeptiert, hat die Chance, aus der Krise sich selber näher zu kommen. Wage ich mein Selbst-Verständnis zu hinterfragen und gönne ich mir »Veränderung«, kommt mir »Krise = Chance« nicht mehr Chinesisch vor.

Und noch Etwas:
Neurologisch können Denkabläufe im Hirn aufgezeigt werden. Dabei bilden Nervenzellen mit ihren Armen und Andockstellen »Schalt-Kreise« und tauschen Impulse aus. Ein einfaches Beispiel dafür wäre »rot > heiss > verbrennen«. Habe ich mir dies lange genug eingeprägt und dafür stets Bestätigung erlangt, verhärten sich die Verbindungen zwischen den Zellen und der Gedankengang wird nicht mehr hinterfragt. Er wird zur Gewohnheit und somit zur Wahrheit. Erhalten sie jedoch keine Bestätigung mehr, lösen sie sich und formieren sich neu. Soviel zu Umdenken.

fabian.schmid@trustyoursmile.com
©2007

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