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Rubrik:Fachwissen

»Mindfuck Domina«

Stress. Burnout. – Top Führungskräfte haben sich aus dem Leben verabschiedet. Die Zeitungen sind voll. Die Betroffenheit ist gross. Die Welt schreit auf. Und besagte Themen erhalten eine ganz neue Präsenz.

Kürzlich wurde ich zu einer Veranstaltung eingeladen, bei welcher Führungskräfte sich über Stress und Burnout austauschen konnten. Neben meinem Vortrag mit Fokus ‘Stress und das Individuum’ wurden die wirtschaftliche Konsequenz von Stress sowie die Folgen von Stress und Burnout auf das Arbeitsumfeld adressiert. Im Anschluss war das Plenum gefragt, in einem Workshop gemeinsam Stressfaktoren aus dem Arbeitsalltag zusammenzutragen, entsprechende Problemquellen zu definieren und Lösungsansätze zu entwickeln. Die Diskussionen waren spannend, ehrlich und emotional, die Resultate und kreativen Lösungen beeindruckten, im Positivsten aller Sinne.

Stress ist der Überlebenskampf der Laborratte

In den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts wurde »Stress« erfunden. Reiner Zufall. Definiert als spontane körperliche Reaktion auf widernatürliche Belastung. Stufe eins ‘Flucht oder Kampf’, Stufe zwei ‘sich gewöhnen’, Stufe drei ‘Erschöpfung’. Entdeckt in einem kanadischen Labor an Laborratten, auf der Suche nach einem neuen Sexualhormon. Den Ratten wurden organische Extrakte eingespritzt und das schien sie äusserst, teils endgültig zu »stressen«. Verständlicherweise. Mir wäre es in ihrem Falle nicht anders ergangen. Ein neues Sexualhormon wurde übrigens nicht entdeckt.

Heute hat der Begriff Stress ganz andere Dimensionen angenommen. Er findet seine Anwendung auch in unserer »geistigen« Reaktion auf Belastung, also die Reaktion unserer Psyche – bewiesenermassen und ohne Zweifel. Nur gibt es genau da einen Widerspruch.

»Mindfuck« – Neudeutsch für Selbstüberlistung

Als Resultate des angesprochenen Veranstaltungs-Workshops zeigten sich ernst zu nehmende Herausforderungen, die ausserordentlich und zusätzlich zu der täglichen, routinemässigen Arbeit auftreten können. Unternehmerisch sinnvoll und praktisch umsetzbar waren die entwickelten Lösungsansätze. Toll. Nur, was hatte all das mit Stress zu tun? Ich erlaubte mir, genau diese Frage an das Plenum zu richten. Die Antwort war überraschend: Nichts. Ausser, ich nehme das jeweilige Problem persönlich.

Zugegeben, wir jonglieren tagtäglich Unmengen von Dingen und leisten oft Übermenschliches. Gelernt haben wir, dass wir Verantwortung für unser Handeln übernehmen sollen. Und genau dem werden wir stets gerecht. Doch, werden wir dabei uns selber gerecht? Dabei spreche ich von uns als Individuen, als »Körperhäuschen«, welches unserem jeweiligen Leitstern, dem Kopf, Geist, oder wie immer wir unsere Schaltzentrale nennen wollen, überhaupt ermöglicht, ein Dasein zu fristen. Ich behaupte nein.

Da wir aber alle so gute Schülerinnen und Schüler waren und verinnerlicht haben, was richtig und was falsch ist, sind wir gefordert, den alltäglichen Spagat zu praktizieren, den Spagat zwischen Gefühl und Verstand. So spüren wir zwar tief drin und mit unserem gesamten Dasein, dass wir nicht im Wohlbefinden sind, aktivieren aber gewissenhaft unsere so genannte Rationalität. Mit ihr begründen wir unser Handeln, unser Getriebensein zu Höchstleistungen und unsere Selbstüberlistung, weshalb genau das alles Sinn macht. Der Kopf »vögelt« den Kopf. Plakativ übersetzt aus dem Englischen »mindfuck«. Und alles aus dem Wunsch heraus zu genügen, gerecht zu werden – kurz, wertvoll und liebenswert zu sein. Ein Vorgang, der sich ausschliesslich in besagter Schaltzentrale abspielt.

Wer’s glaubt...

Stress beginnt im Kopf. Stress basiert auf Glaubenssätzen. Und es beginnt mit dem Gedanken »ich muss«, »man erwartet von mir«, »wenn... dann...«. Doch muss ich wirklich? Was erwartet mein Umfeld wirklich von mir? Was erwarte ich?

Ein Wertesystem zu haben und im guten Glauben daran zu handeln, ist nicht falsch. Im Gegenteil, im Verbund der Gesellschaft ist das absolut sinnvoll. Wie wir zu unseren Werten kommen, ist der natürliche Prozess des Erwachsenwerdens in unserem sozialen Umfeld. Aus dem eigenen, besten Wissen und Gewissen heraus schenken uns Familie, Freunde, Lehrkörper, Sportverein etc. Lebensrichtlinien, damit wir es einmal gut oder gar besser haben werden. Mit diesem Geschenk orientieren wir uns durch den Lehrgang des Lebens und stehen nun da, wo wir heute sind. Am Punkt, wo unsere Überzeugungen uns zwar unglaublich weit gebracht haben, aber gefühlt irgendwie widersprüchlich erscheinen.

Und dieser Widerspruch »stresst« uns in unseren Gedanken. Wir spüren es am ganzen Körper.

Unsere Glaubenssätze haben wir ein Leben lang gelebt, in ihnen Bestätigung gefunden und sie erfolgreich und immer tiefer in Stein gemeisselt. Klar wollen wir an ihnen festhalten. Sie geben uns ja auch Sicherheit. Aber mit allen Theorien verhält es sich gleich: werden sie widerlegt, sind sie hinfällig. Das beweist uns die Wissenschaft. Es gab Zeiten, da war die Erde eine Scheibe und alle Naturwissenschaften basierten auf dieser Erkenntnis. Heute ist die Erde rund und die Wissenschaft angepasst. Dumm gelaufen. Aber wir sind daran gewachsen.

Die innere Domina

Ein Ausflug auf Wikipedia ergibt, dass der Begriff »Domina« heute nicht mehr für die römische Hausherrin oder Klostervorsteherin steht, sondern eher in der Anwendung »Fachfrau für sadistische und dominante Praktiken« Verwendung findet. Besagte Praktiken kommen bei uns selber dann zum Tragen, wenn wir unsere Glaubenssätze als sakrosankt und unumstösslich definieren. Dann entscheidet sich unser Geist dafür, seiner inneren Fachkraft den Auftrag zu erteilen zur »Mindfuck Domina« zu werden, um den möglicherweise überholten Glauben durchzusetzen. »Das willst Du doch! Das schaffst Du doch! Du bist doch kein Versager! Was Dich nicht umbringt, macht Dich stark!« So treiben wir uns gewohnt weiter und merken nicht, dass wir es sind, die uns selber quälen. Stets unter dem Aspekt, sich gegen Aussen keine Blösse zu geben und alles richtig zu machen.

Stress, Top Manager und »wir«

Was die einleitend erwähnten Führungskräfte zu ihrem Schritt bewogen hat, entzieht sich meinem Wissen. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass sie dem Leistungsdruck und damit ihrer inneren Domina nicht standhalten konnten und damit im Überlebenskampf der Laborratte gelandet sind. Was aber hat das mit uns anderen zu tun?

Stress und die langfristige Konsequenz Burnout kommen nicht von ungefähr. Wie auch immer die Situation sich präsentiert, ich habe die Entscheidungskraft, wie weit ICH in meinem Leben gehen will. Spüre ich Druckstellen, entscheide ich, ob ich gewillt bin, meine Glaubenssätze zu hinterfragen und damit meine Haltung zur Situation zu verändern. Entscheide ich mich dagegen, was absolut nicht falsch ist, besteht die grosse Chance, dass ich die Situation persönlich nehme. Die Folge ist ein grosser Energieaufwand. Kreiert wird er hauptsächlich durch meine Gedanken. Und das brennt aus.

Die Frage heisst somit: Habe ich Lust? Nicht, ob die Lust da ist zu arbeiten und Geld zu verdienen, um meine Existenz zu sichern und die meiner Familie, sondern ob ich Lust dazu habe, aufzuhören mir weiter selber Schmerz zuzuführen. Kommt ein klares »Ja«, ‘muss’ ich meine Haltung zur Situation verändern.

Lernen zu verzeihen

‘Ich muss’ ist ein weiterer Leistungsauftrag, der den Druck zusätzlich erhöht und unsere innere Domina reaktiviert. Das kann somit nicht der Schlüssel sein. Der Schlüssel heisst Verzeihen. Uns selber verzeihen, dass wir trotz all unserer Erkenntnisse immer wieder in die Mindfuck-Domina-Falle tappen und Dinge persönlich nehmen. Dinge, die mit uns als Individuum grundsätzlich gar nichts zu tun haben. Diese Dinge erst einmal erkennen ist das Ziel. Schärfen wir also unsere Aufmerksamkeit. Staunen wir mit grossen Augen, sobald wir uns wieder in alten Mustern ertappen und schmunzeln darob. Es hat uns wieder erwischt, nichts weiter. Und dann folgen wir neu unserer Lust zu verändern, ganz ohne Vorwurf, Druck und Pflicht. Immer und immer wieder, bis unsere innere Domina ihren Job aus langer Weile von selber ablegt. Und dazu wünsche ich uns allen viel Spass!

fabian.schmid@trustyoursmile.com
©2013

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