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Rubrik:Fachwissen

»über Reagieren«

Konflikt-Potenziale und ihr Ursprung

Wir alle kennen den Knoten im Bauch, wenn unser Gegenüber mit einer »jenseitigen« Forderung oder einem unfassbaren Verhalten auf unser Anliegen oder Handeln reagiert. Unverständnis macht sich breit, von Kopfschütteln bis hin zu Verzweiflung. Die ursprünglich harmlose Situation versteift sich und wird zu einer problematischen Auseinandersetzung. Für uns ist doch alles klar! Wir haben keine verwerfliche Absicht und unser Verhalten, die Mitteilung, der Vorschlag oder unsere Entscheidung wäre mit Analytik und gesundem Menschenverstand nachvollziehbar. Oder eben nicht.

Die beschriebene Situation betrifft uns im privaten Alltag genau so wie im Geschäftsleben oder in der Freizeit. Und stets hat sie mit Menschen zu tun. Was also passiert und wo entspringt diese unglückliche Konsequenz?

Zwei Geschichten treffen aufeinander. Jede davon »natürlich« gewachsen und durch spezifische Umstände geprägt. Sie sind voller Freuden und Verletzungen, was unser Denken und Handeln aufgrund dieser gewonnenen Erkenntnisse beeinflusst. Aber damit nicht genug. Unsere Existenz – primär geleitet durch Liebe – ist leider geprägt durch Angst, Frustration, Bewertung, Erwartung, Zweifel und vieles mehr. Gesellschaftliche Normen und Moral bestimmen unser Leben und lassen uns das der Anderen bewerten. Zusätzlich wird uns am Anfang unseres Daseins von unseren Vorfahren ein Bündel ihrer eigenen, ungelösten Probleme und Ängste übergeben. Dieses Bündel stellt ein Wertesystem dar, das wir als Voraussetzung und zweifelsfrei gegeben annehmen. Wie sollten wir anders? Wir haben zu diesem Zeitpunkt keine Chance, das Paket zu hinterfragen oder gar es »zu entschärfen«. Es definiert jedoch unsere Lebens-Basis: Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht, Liebe und Verrat. Einmal verinnerlicht, wird diese Ausgangslage selten mehr hinterfragt.

Zurück zu unserem Knoten im Bauch. Was ist passiert? Geht es wirklich um die Sache? Schön wär’s. Wir drücken gegenseitig »Knöpfe«.

Unsere Wunden aus der Vergangenheit verlangen nach Selbstschutz und wir haben gelernt, »bekannten« Schmerz zu verhindern. Entsteht eine vergleichbare Situation mit bereits Erlebtem, wird ein Denkablauf und zusammenhängend ein Gefühls-Erinnerungsprozess ausgelöst (rot > heiss > Gefahr > ...). Unsere Offenheit weicht der automatisch gesuchten Bestätigung, denn aus Erfahrung muss es sich um die Wiederholung einer bekannten Verletzung handeln. Ein Wort, eine Geste, ein Geruch oder eine Schwingung in einer Stimme genügt und die unbewusste Erinnerung weckt Emotionen: Vertrauensbruch, Minderwert, Liebes- und Respektunwürdigkeit, missverstanden oder über den Tisch gezogen werden und Ähnliches. Die Bestätigung ist gefunden, der Automatismus aktiviert unsere Verteidigung. Leider haben uns unsere Wunden die Fähigkeit genommen, daran zu glauben, dass andere Optionen möglich gewesen wären, so zum Beispiel: rot > Liebe > Vertrauen >...

Ich behaupte, dass ich in den seltensten Fällen wirklich auf mein Gegenüber reagiere, sondern auf meine ganz persönliche Geschichte. Spinne ich diesen Gedanken weiter, geht es meinem Vis-à-vis sicher nicht anders. Mit diesen beiden Erkenntnissen ist es mir eigentlich möglich, jede Situation zu hinterfragen und notfalls zu entschärfen. Ist es wahr, dass mein Freund, mein Geschäftspartner, meine Familie, meine Nachbarin... mir wirklich Böses will? Was genau an der Situation löst das Gefühl in meinem Bauch aus? Welcher Anteil der Situation gehört mir, welcher meinem Gegenüber? Was messbar und beweisbar ist, stellt nie ein Problem dar. Alles andere jedoch sind Emotionen, gekoppelt an Denk- und Gefühlsstrukturen unserer Geschichte. Sie sind es, die uns überreagieren lassen. Werden sie im Prozess erkannt und damit entlarvt, verlieren sie ihr Gewicht und die Situation dadurch die Bedrohung. Dazu ist ein Umdenken notwendig. Das kann trainiert werden.

fabian.schmid@trustyoursmile.com
©2007

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