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Rubrik:Wissenswertes

»Luftiges Schwergewicht«

(NZZ-Folio 2|10, Rubrik »Wer wohnt da«. Artikel von Gudrun Sachse)

Ein mittelalterlicher Grafiker? Ein Vogelfreund mit sphärischem Gemüt?
Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Die Psychologin

Hier finden wir alles unter einem Dach! Eine interessante Wohnung, wo auf wenig Raum vieles Platz hat, durchdacht und liebevoll eingerichtet. Luftig und locker und dennoch gar nicht zufällig wirkt dieses Dachgeschoss, sein Bewohner hat System, er weiss, wo was wie zu sein hat.

Er scheint sich maximal gut zu versorgen: Kaffee und Tee trinkt er gleich gern, gekocht wird auf kleinem Raum richtig, aber nicht üppig, Sport und Relaxen, filigranes Blechhorn und wuchtige Holzskulptur vertragen sich bestens nebeneinander, rohes Gebälk ist bestückt mit verspielten Federn – ein patchworkartiger AllinOneRaum.

Unterschiedliches und Gegensätzliches gehören bei diesem Bewohner zusammen, die Wohnung hat kein eindeutiges Zentrum, den Schwerpunkt sucht man vergebens. Lebt hier ein sphärisches Gemüt mit guter Bodenhaftung, ein gut geerdeter Luftibus? Das Sofa ist schon richtig eingesessen, doch unser Junggeselle ist nicht mehr so jung; er ist inzwischen im mittleren Erwachsenenleben angekommen, ohne sesshaft zu wirken.

Kreiert er auf seinem unüblich hohen Küchentisch nicht nur Gerichte für die Pfanne, sondern auch Werke im IMac – ein Designer, Grafiker, Gestalter, der sich hin und wieder mit Klimmzügen und Hängematte entspannt? Oder ist der Sport seine Berufswelt, ist er im Kampfsport tätig, ohne ein Kämpfer zu sein, eher ein spielerisch ausbalancierter Typ?

Seine Brötchen verdient er wohlkaum in der «Bäckerei», die ist wohl eher Reminiszenz aus seiner Geschichte.

Eine Bleibe, rätselhaft und spannend, eine lebensfrohe Palette von Schwergewichtigem bis Federleichtem, alles in allem eine sackstarke Wohnung.

Ingrid Feigl

 

Der Innenarchitekt

Diese Wohnung ist romantisch, einem Vogelnest gleich klebt sie unter dem Dach des Hauses. Mansardenwohnungen haben einen speziellen Charme. Die geneigten Wände erinnern an Höhlen. Vermutlich besteht die Wohnung aus einem einzigen Raum. Nicht einmal die Dusche muss sich hinter der Badezimmertür verstecken. Wo immer man hinblickt, sieht man charmante Details: Der Küchenschrank hinter den Sprossen eines Fensters erinnert an alte Apothekervitrinen. Auf dem Tannenboden mit den dunklen Fugen wähnt man sich in einer Werkstatt, nicht in einem Schlafzimmer. Der Bewohner ist handwerklich begabt und mag Möbel verschiedensten Ursprungs. Während die Liege aus dem Gartencenter stammt, ist das Ledersofa ein stilsicherer Kauf aus dem Brockenhaus. Der Küchentisch wurde speziell für diesen Ort angefertigt – dicke Sperrholzplatten liegen auf geschweissten, rohen Stahlprofilen. Das ist der Look der 1990er Jahre. Dazu passt auch die Halogenbeleuchtung an den Drahtseilen.

Wohnt hier ein Mann um die vierzig? Er ist nicht nur Mieter, sondern ebenso der Erbauer der Wohnung. Vielleicht lebte er eine Zeitlang alleine. Heute könnten durchaus zwei Personen da wohnen. Ein Künstler mit seiner boxenden Freundin? Macht auch sie die Klimmzüge an der Holzstange unter dem Dachbalken? Vermutlich sammelt er die Vogelfedern, die sich um das Bett drapieren. Ein Ornithologe wird er dennoch nicht sein.

Ist er ein Indianer oder ein Innerschweizer? Eine Trompete ohne Etui ist verdächtig. Es könnte durchaus sein, dass sie eher an Maskenbällen als im Dorfmusikverein gespielt wird.

Jörg Boner

 

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Fabian Schmid, Coach

«Ich sehe auf den wunderschönen Zugersee. Und auf wunderschöne ausgesteckte Bauprofile. Das Haus aus dem Jahr 1897 wird nächstes Jahr nicht mehr hier stehen, dafür ein ganz tolles Reihenvorstadthaus für zwölf Parteien – finanziell ist dabei natürlich was rauszuholen. Eine Wohnung an dieser Lage in der Stadt Zug lässt sich für 8000 bis 10000 Franken vermieten. Das Vielfache von dem, was ich bezahle.

Ich verstehe die Beweggründe aus unternehmerischer Sicht, als kultureller Mensch verstehe ich sie gar nicht. Dieses Haus ist ein letzter Zeuge des Industriezeitalters, ein Backsteinhaus mit Flachdach und einem verwunschenen Pärkchen hinter dem Haus, eine Trouvaille, wie es sie in der Stadt nicht noch einmal gibt. Wenn schon, dann gehörte an diesen Ort eine Beiz, etwas Leben, was diese Stadt dringend benötigte.

Ich habe seit 13 Jahren drei Viertel des Hauses gemietet, geschäftlich genutzt und später untervermietet. Es ist ein sehr akustisches Haus, man hört Toilettenspülungen, die Dusche. Ich kenne den Rhythmus meiner Nachbarn und sie meinen. Ich dusche zwischen sieben und acht Uhr. Und singe dabei, was immer mir in den Sinn kommt. Der in der Schweiz am meisten gesungene Duschsong ist, gemäss Amt für Statistik, nicht ‹Ewigi Liebi›, sondern ‹La donna è mobile›.

Meinen Kaffee trinke ich im Café und lese dazu Zeitung. Da meine Wohnung mein Arbeitsraum ist, versuche ich auf diesem Weg etwas Abstand zu bekommen. Wenn gearbeitet wird, ziehe ich den Vorhang vor dem Bett zu. Das ist ein Raumteiler, kein Duschvorhang.

Ich bin bodenständig, das heisst, ich spüre, was in Menschen vorgeht, was sie brauchen, wie ich ihnen begegnen muss. So coache ich auch. Okay, das tönt esoterisch und könnte verwirren. Ich stehe nicht auf ‹Wir halten uns die Hände und sind eins, judihui›, meine Arbeit ist Haltungsturnen für den Kopf. Ich bin überzeugt, dass es Energien gibt, die einige Menschen stärker als andere spüren. Daher auch die Federn. Die sind zu mir gekommen, zwei schenkte mir eine Schamanin, eine bekam ich von einer Krähe.

Ein waches Gemüt, das trifft auf mich zu. Der Luftibus nicht, da ich sonst nicht der wäre, der ich heute bin. Ich arbeitete oft zu viel, wofür ich den entsprechenden Preis bezahlte. Ich führte etliche Firmen, kannte keine Ruhephasen. Hatte ich Migräne, überlistete ich sie mit Schmerzmitteln. Nach Sitzungen schlief ich gar in der Ecke ein. Mein Motto – geht nicht gibt’s nicht – führte mich geradewegs in ein Burnout. Ich dachte, eine Auszeit würde helfen, doch als ich nach drei Monaten voller Elan schon wieder eine Firma gründete, mir erneut keine innere Ruhe gönnte, musste ich mein Leben radikal ändern.

Ich machte eine Weltreise. Allein, mit 41 Jahren und mit Rollkoffer, wegen der Diskushernie. Wichtiger, als viel zu sehen, war es mir, viel zu erleben. Ich war unter anderem in Nairobi, Singapur, Melbourne, Havanna. Zur Ruhe kam ich besonders auf den Überfahrten mit den Frachtschiffen. Der Crew bist du als Passagier gleichgültig, alle drei Tage kommen sie mal kontrollieren, ob du noch nicht angefault bist. Die sind dort, um zu arbeiten. Der Tagesablauf ist auf hell und dunkel ausgerichtet, es gibt keinen Input, nur Output.

Ich wanderte bereits mit 23 Jahren aus und studierte in den USA Grafikdesign. Dort blieb ich etliche Jahre. Geboren bin ich in Baar, das ist die Grossstadt nebenan. Kürzlich putzte ich mit Sigolin die Chromstahlregenrinne der Zuger Bahnhofstrasse – ich wollte damit ein Zeichen setzen. Vermutlich sind wir die einzige Stadt, die sich so etwas leistet, eine Rinne, die noch dazu keiner sieht. Man sollte sich hier mal darüber Gedanken machen, ob man in zwanzig Jahren ein Disneyland für Wohlbetuchte will oder den kulturellen Austausch suchen möchte.

In meiner Wohnung ist vieles zusammengetragen, vieles selbst gemacht, wie die Holzskulptur, der Küchentisch, der Couchtisch. Der Boxsack hängt dort, weil ich Taekwondo mache.

Wenn ich demnächst hier raus muss, suche ich mir als Alternative eine Autowerkstatt in Zürich. Zu meinen Möbeln gesellen sich dann im Wohnzimmer meine Oldtimer – ein zitronengelber Cinquecento, ein MG Midget, Jahrgang 65, ein Ural Töff hinzu. Die schlafen seit Jahren friedlich in einer Garage. Um hier wohnen bleiben zu können, hätte ich sie gerne schlafen lassen.»

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse   Fotos: Heinz Unger

(NZZ-Folio_Online Version)

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